Kurzgeschichten

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Barfuß über´s Stoppelfeld

Barfuss über´s Stoppelfeld.

Kaltohmfeld, September 1943.

Mit der Kinder-Land-Verschickung war ich nach Ostern 1940 aus Berlin gekommen.  Und nun bin ich schon fast vier Jahre hier auf dem Bauernhof in Kaltohmfeld im Eichsfeld. Liebevoll hatte mich die Familie Setzepfand  aufgenommen. Ich wurde ihr Junge und Kaltohmfeld mein neues Zuhause. Berlin war bald vergessen. Meine Pflegeeltern nannte ich von Anfang an Onkel Erich und Tante Lina.

Heute ist der erste September und Mitte der Woche. Der Tag zeigt sich im Ohmgebirge wettermäßig  noch einmal von seiner besten Seite. Es ist schwül und gewittrig, genau wie vor vier Jahren, als mit dem Polenfeldzug der Krieg begann.

Ich sitze barfuss im Grass unterhalb der Martin Luther Linde und sehe den  Schwalben nach. Sie  fliegen recht tief und ich bewundere sie,  wie sie  über die Wiesen und  abgeernteten Feldern segeln. Noch niedriger aber fliegen sie über der Wasseroberfläche des Dorfteiches. Dort   sammeln sie die ins Wasser gefallenen Insekten und schießen dann wieder in ihrer eleganten Leichtigkeit hoch hinaus in den Himmel.

Anni, eine der beiden Töchter meiner Pflegeeltern, hütet unweit von mir  „auf dem Teil“ hinter der Linde die Gänse. Anni ist zwölf Jahre alt, genau wie ich. Aber ich bin 10 Tage älter.

„Sieh!“ ruft sie mir zu und zeigt mit ihrem Stock, mit dem sie sonst den angriffslustigen Gänserich auf Abstand hält,  hin zu den elektrischen Drähten, die Reckes Haus  mit Strom versorgen: „Die Schwalben sammeln sich schon, bald fliegen sie in den Süden. In wenigen Tagen ist Maria Geburt!“ Ich gucke etwas verständnislos, weil ich nicht weiß, was sie meint. Und dann singt sie:  Achter September – Maria Geburt – dann fliegen alle Schwalben furt…  „Du musst noch viel lernen, lacht sie, „in Berlin gibt es doch auch Schwalben, oder?“  „Nee“, antworte ich etwas beleidigt, „in Berlin gibt es Spatzen und die sind auch im Winter da.“

In Kaltohmfeld ist alles so ruhig und der Krieg weit weg. Nur hin und wieder höre ich aus dem Volksempfänger in der Küche: „Achtung, Achtung, eine Luftlagemeldung, aus Berlin…“ Doch, was gehen mich die  Luftlagemeldungen an? Ich bin jetzt hier,  glücklich und zufrieden.

Anni und Irma sind nun meine Schwestern. Irma ist acht Jahre alt, vier Jahre jünger als wir „Großen“. Aber wir drei sind fast unzertrennlich. Wir schlafen in einem Bett, mein Kopfkissen ist am Fußende der Mädels. wir frühstücken zusammen und essen unsere „Bröckchen“, in Würfel geschnittenes Graubrot mit Malzkaffee und frischer Milch übergossen und zwei Löffel Zucker darüber aus einer großen Tasse. Auch in der Schule, die aus nur einem Klassenzimmer besteht, verlieren wir uns nicht aus den Augen. Sehr oft helfen wir bei der Feldarbeit.

Die ganze Woche über hat es nicht geregnet, und wenn sich der Morgennebel überm Teich und im Läuseborn aufgelöst hat, scheint herrlich die Sonne.

Es ist kaum zu glauben, dass erst vor wenigen Wochen, am 26. /27. Juli, die Brutalität  des Krieges Hamburg zerstörte und in wenigen Stunden im Feuersturm 35.000 Menschen jämmerlichst verbrannten und hier im Eichsfeld, eine knappe Flugstunde südlicher,  das Kleinvieh fröhlich schnattert, gurrt und gackert und wir Kinder friedlich „Fangen“ und „Verstecken“ spielen.

Eins, zwei, drei, vier Eckstein – alles muss versteckt sein!

Und heute wird  das Heu eingefahren. Es liegt schon in Haufen und ist knochentrocken. Onkel Erich ist froh, dass sich das Wetter gehalten hat.

Nach der Schule müssen wir Kinder mit ins Heu. Jede Hand wird gebraucht. Wegen der Disteln und Stoppeln laufen wir auf den gemähten Wiesen nicht barfuss, sondern  in Holzpantinen. Die Schuhe brauchen wir für die Schule und für den Winter.

Das Heu duftet würzig und ist leicht zu handhaben. Eine lauwarme Briese umspielt unsere verschwitzten Körper. Am Himmel bilden sich große Wolkenformationen. Die Arbeit auf der Wiese ist schwer. Onkel Erich und sein älterer Bruder Otto  gabeln, sie stechen mit der dreizinkigen Heugabel in die Heuhaufen und reichen sie Tante Lina auf den Leiterwagen. Sie  packt auf. Zuerst  setzt sie das Heu auf die  Ecken, dann füllt sie die Seiten  und später  die Mitte des Wagens, Schicht auf Schicht. Und wir Kinder wüten mit den Rechen über die Stoppeln und harken jeden Halm zusammen.

Die Sonne steht schon recht tief, als die letzte Fuhre geladen und sauber abgeharkt ist. Während Onkel Erich  das Halteseil über die Fuhre spannt und festzurrt,  schaut Tante Lina besorgt in den Himmel. Über Worbis zieht eine schwarze, vor sich hingrummelne Gewitterwolke auf.

„Hüh, hoo! Nun komm schon, Brauner! Los Max, hüh!“ treibt Otto, die von der Arbeit und Hitze abgekämpften Pferde noch einmal an. Aber die Pferde geben auch ohne Ottos  aufmunterndes Rufen ihr Bestes. Sie stemmen sich in das Geschirr, als wüssten sie, wie wichtig es ist, auch diese Fuhre trocken unter Dach und Fach zu bringen. Vielleicht spüren sie auch, dass im Westen über der Stadt Worbis ein Unwetter aufzieht. Drohend schieben sich die Wolken in unsere Richtung zum Kälberberg.

Die Räder knirschen durch den Sand des ausgefahrenen Feldweges und die Fuhre schwankt recht beängstigend,  wenn ein Rad über einen Stein holpert oder durch eine Kuhle rollt.

Tante Lina, Otto, Anni und ich schlürfen hinter dem Gespann her. Die Heugabeln und Rechen stecken mit dem Stiel hinten im Fuder.

Wir Kinder laufen wieder barfuss und tragen unser Holzpantinen in der Hand.

Das Gewitter kommt immer näher. Blitze zucken am dunklen Himmel. Rollender Donner macht uns angst und bange. Es wird schlagartig dunkel in Feld und Flur. Gewitterböen wirbeln den trockenen Sand auf und treiben ihn vor sich her. Gerade noch rechtzeitig, vor dem großen Regen erreichen wir  den Hof, und in dem Augenblick, als das Fuder in der Scheune auf der Tenne steht,  sind Blitz und Donner  schon gefährlich  nah.

Max und der Braune werden ausgespannt und  schaffen es gerade noch in ihren Stall, dann beginnt es zu regnen und das Wasser stürzt wie aus Bottichen vom Himmel. Im Nu schwimmt der ganze Hof.  Das  Federvieh, sogar die Enten und die Gänse, flüchten mit lautem Geschrei und verkriechen sich in der Scheune.

Uns Kinder schickt Tante Lina, auf die hölzerne Treppe, die nach oben zu den Schlafzimmern führt. Das sei der sicherste Platz im Hause, sagt sie, und wir sitzen jetzt dort wie die Hühner auf der Stange.

Aus dem Grummeln und Rollen des Donners ist nun eindringliches Knallen und Poltern geworden. Oft klingt es flach und scheppernd, als würde jemand mit einem dicken Ast auf ein Blechdach schlagen. Die Blitze zucken gefährlich  vom schwarzen Himmel und erhellen für zehntel Sekunden draußen vor dem Fenster die Dunkelheit des frühen Abends.

„Wenn wir vom Blitz bis zum Donnern nur noch 21, 22 zählen, zwei Sekunden, dann ist das Gewitter über uns“, sage ich, das weiß ich aus der Schule.

Wir drei hocken ängstlich auf der untersten Stufe der Treppe eng beieinander. Die kleine Irma zwischen Anni und mir weint leise vor sich hin.

Bald wird es ruhiger und auch wieder hell. Tante Lina öffnet das Fenster. Frische Luft strömt in die Küche. Die Enten watscheln aus der Scheune zu ihrem Schlafplatz in den Schweinestall. Ein paar Hühner erobern den Misthaufen, um vor der Nacht schnell noch ein bisschen herumzuscharren.

Zwei Wochen später: Die Schwalben mussten wohl gerade davon geflogen sein, da kam  ganz unerwarteter Besuch aus Berlin. Mutter Liesbeth, Vaters zweite Frau, meine Stiefmutter. Was wollte sie? Mich nur besuchen? Hatte sie Urlaub? Tante Lina sah ihr misstrauisch  entgegen.

Ich aber fiel ihr um den Hals, so  freute ich mich. Sie war die einzige, die mir in den vergangenen Jahren schrieb, in den Briefen von meinem Vater berichtete und mir auch zu Weihnachten ein Päckchen schickte.

Doch jetzt ahnte ich nichts Gutes. Und ich behielt recht. Denn später, als Mutter Liesbeth in der großen Wohnküche mit  meinen Pflegeeltern sprach merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Tante Lina schickte mich nach draußen in den Holzschuppen. „Geh, hol` ein paar Scheite für den Herd“, sagte sie, „das Feuer geht aus!“ Ich merkte, dass war ein Vorwand, damit die Erwachsenen sich ungestört unterhalten konnten. Aber ich gehorchte und ging. Als ich mit dem Holz zurückkam, sah ich die bestürzt und    fassungslos dreinschauenden  Gesichter von  Tante Lina und Onkel Erich.  Tante Lina hatte Tränen in den Augen.

Mutter Liesbeth stand vom Tisch auf und nahm mich in den Arm. „Du kommst mit nach Berlin“, sagte sie, „dort wirst du weiter in die Schule gehen.“

Das war es also! In diesem Moment war mir noch nicht klar, was ab jetzt auf mich zu kommen sollte. Aber ich vertraute ihr.

Krieg, Fliegeralarm und Bombenangriffe waren mir fremd. Über den Krieg sprach nur der Lehrer. Und der erzählte von Glanz und Gloria, und geordnetem Rückzug. Nur über das, was vor einem Monat in Hamburg geschehen war, da hatte er von „Meuchelmord“ und „Vergeltung“ gesprochen. Und ab und an erinnerten die traurigen Feldpostbriefe von Onkel Erichs jüngstem Bruder daran, dass irgendwo Krieg war.

Mutter Liesbeth hatte keinen Urlaub, sie musste schnellstens wieder zurück nach Berlin. Sie war kriegsdienstverpflichtet bei der Post. Schon am nächsten Tag sollte es losgehen. Meine wenigen Sachen waren schnell gepackt. Gleich frühmorgens konnten wir mit Onkel Erich und dem Milchwagen nach Worbis fahren. Das war die einzige Möglichkeit, mit Gepäck zum Bahnhof zu gelangen. Onkel Erich transportierte jeden Morgen die Milch von  Kaltohmfeld und Kirchomfeld  nach Worbis. Neben der Arbeit auf dem Hofe und der Landwirtschaft war Onkel Erich auch bei der dortigen  Molkerei fest angestellt.

Der Morgen erwachte wie immer mit all den mir so vertrauten Geräuschen. Der Hund schlug an, als die Pferde, Max und der Braune, anspannt wurden. Hühner gackerten, der Hahn krähte auf dem Mist, die Gänse schnatterten und aus dem Schweinestall quietschten die Schweine und wollten gefüttert werden. Minka, die Katze, saß auf der Deichsel des Kastenwagens und schaute dem Treiben interessiert zu.

Tante Lina klapperte mit den vollen Milchkannen im Kuhstall, die Onkel Erich etwas später auf  die Plattform seines Wagens lud.

Der Abschied von allen mir so Liebgewonnenen war kurz. Ich nahm ihn kaum wahr und war sehr traurig. Ich war hilflos, die Erwachsenen hatten entschieden.

Zwischen Mutter Liesbeth und Onkel Erich gedrückt saß ich dann zum letzten Mal auf dem Kutschbock, auf dem ich immer so stolz thronte, wenn ich mit Onkel Erich zum Wochenende in die Stadt fahren durfte.

Erst als der Zug in Richtung Berlin schnaufte, schubste mich das Rattern der Räder in die Wirklichkeit zurück.. Mit großen Augen sah ich, wie Mutter Liesbeth betete: „Lieber Gott, bitte lass uns gesund nach Hause kommen.“ Und später sagte sie: „Hoffentlich gibt es keinen Fliegerangriff auf offener Strecke.“  Es gab keinen. Die Bahnfahrt verlief ohne Zwischenfälle. Nur musste unser Zug  immer wieder auf Nebenstrecken warten, um Güterzüge mit Nachschub für die Front den Vorrang zu lassen.

Es wurde schon dunkel, und wir waren noch immer nicht am Ziel. Im durchgehenden Zugabteil gingen  stark verdunkelte Lampen an, die nur die  Mitte des Ganges ausleuchteten. Die seitlichen, offenen Abteile lagen im Dunkeln. Die Reisenden auf den harten Sitzen der dritten Klasse und die verschnürten Reisekartons, die Koffer und die Taschen auf den Ablagen waren nur schemenhaft zu erkennen. Mutter Liesbeth hatte ihren Arm um mich gelegt und ich  empfand, was ich so stark noch nie gespürt hatte, mütterliche Zuneigung. Ein wohliges Gefühl durchströmte meinen Körper.

Das Klackern der Räder über die vielen Weichen kündigen die Reichshauptstadt an. Gerade, als der total verdunkelte Zug in den Anhalter Bahnhof einfuhr, begannen die Sirenen auf- und ab- schwellend zu heulen. Fliegeralarm!

Wie sehnte ich mich in diesem Augenblick zurück auf das friedliche Land im Ohmgebirge  mit all den Gerüchen und Lauten, nach der Weite von Wiesen, den  Feldern  und den hohen Buchen. Und da fiel mir ein: Die Mädels in Kaltohmfeld wollten heute ins Holz, um zu sehen, ob die Bucheckern schon reif sind.

(Die Vorgeschichte dieser Erzählung: „Plötzlich habe ich zwei Schwestern“, ist in dem Buch zu lesen: „Wo morgens der Hahn kräht“, herausgegeben vom  Zeitgut Verlag Berlin ). www.zeitgut.com

Ab Ende Juni 2014 können Sie die Erzählungen in meinem Buch: „Keiner hat mich je gefragt“ – Kindheit & Jugend – Von 1931 bis 1948 – autobiographische Erzählungen, herausgegeben vom Zeitgut Verlag Berlin,  zusammengefasst lesen.

Vorbestellungen sind unter:  lydia.beier@zeitgut.com schon jetzt möglich.

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